Warm up: Knigge neu verstanden

Wenn Adolph Freiherr Knigge einen Blick auf die heutige Arbeitswelt werfen könnte, wäre für ihn auf den ersten Blick wahrscheinlich vieles in Ordnung. Die Kollegen tragen das Einstecktuch am rechten Fleck und die Mitarbeiter halten sich abwechselnd die Tür auf. Selbst die alles entscheidende Frage, ob man nach dem Niesen „Gesundheit“ wünschen darf oder sich der Niesende gefälligst zu entschuldigen hat, scheint im Jahr 2017 hinreichend geklärt. Auf den zweiten Blick jedoch wäre Knigge schockiert. Hinter der Fassade der manierlichen Arbeitswelt bröckelt es gewaltig. Statt Manieren versprechen Benimmregeln Erfolg. Und der digitale Arbeitnehmer ist abhängig, durchschaubar und entblößt wie nie.

 

Nicht selten sind Benimmregeln, die heute fälschlicherweise dem Freiherrn zugeschrieben werden, einzig auf ein Ziel reduziert: Noch schneller Karriere machen. Noch mehr rausholen. Knigge ist zurechtgestutzt worden zu einem Werkzeug im persönlichen Selbstoptimierungsbaukasten. Die auf das Maß von Benimmregeln verkürzten Weisheiten sind zu einem Katalysator geworden, der die Menschen unmündig macht. Moderne Businesskasper, die marionettengleich an unsichtbaren Fäden hängen. Ferngesteuert von Terminen, Smartphones, Daten und vor allem den Erwartungen der anderen. Knigge, jener Autor, der zur selben Zeit wie Kant ein von den Idealen der Aufklärung beeinflusstes Werk über Umgangsformen geschrieben hat, das den Menschen dabei helfen sollte, die eigene Mündigkeit zu erlangen, ist heute ein Motor der Unhöflichkeit und Unfreiheit. Das gilt besonders dann, wenn Knigge am digitalen Arbeitsplatz auf Benimmregeln reduziert wird.

 

Hörer am Ohr, Laptopklappe zu

Die Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelt stellt uns vor große Herausforderungen. Das zeigt der Knigge-Report 2015. Jeder Fünfte schreibt oder liest heute E-Mails im Bad – also praktisch auf dem Klo, da es

unter der Dusche oder beim Zähneputzen schlecht geht. Vier von zehn hören beim Telefonieren nicht zu – weil sie gleichzeitig im Internet surfen. Die Idee hinter dem Multitasking ist klar. Zeit sparen. Effizient sein. Aber: Darunter leidet die Aufmerksamkeit. Besser: Beim Telefonieren Monitor ausschalten oder Laptop zuklappen. Das ist nicht nur höflicher, sondern ebenso besser für die Konzentration und damit für die Gesundheit.

 

Wider der Effizienz und dem Multitasking

Schnellere Computer, schnellerer Datenaustausch, schnellere Verarbeitungsprozesse durch Technik, schnellere Reisemöglichkeiten, die Überwindung von Raum und Zeit durch Videokonferenzen: Gerade die  digitale Arbeitswelt lebt von der Beschleunigung. Bisher haben wir versucht, mit der höheren Geschwindigkeit klarzukommen, indem wir uns selbst anpassen und optimieren. Es gibt unzählige Kniggetipps, die uns dabei helfen sollen, diese technische Beschleunigung so zu meistern, dass wir sie bestmöglich nutzen. Die Annahme: Wenn wir E-Mails richtig abarbeiten oder Besprechungen nur gut genug strukturieren, können wir mit der neuen Geschwindigkeit mithalten. Doch dies ist ein Denkfehler: Die frei gewordene Zeit wird nämlich sofort neu verplant. Durch schnellere Züge etwa sparen wir meist auch keine Zeit, sondern erschließen uns neue Entfernungen – und reisen noch mehr. Tipp: Arbeitsumfang bei neuer Technik konservieren, Freizeit zum Nachdenken oder Spazierengehen nutzen.

 

Verstand einschalten satt Hirn ausschalten

Je mehr wir uns den Möglichkeiten der Technik anpassen, desto mehr überrennt sie uns. Mit täglichen To-do-Listen oder digitalen Arbeitsboards zum Abhaken wollen wir den Überblick behalten. Eine Illusion. Die Aufgaben diktieren wir uns schon lange nicht mehr selbst. Sie kommen auch immer seltener von Vorgesetzten, Kollegen oder Geschäftspartnern, mit denen wir einst sogar über das Pensum und die Machbarkeit verhandeln durften. Ausgeliefert werden die Aufgaben heute vielmehr von der uns umgebenden Technik. Es sind im Minutentakt eingehende E-Mails und wie von Geisterhand erstellte Termine anderer, die ständig aufblinken und in Wahrheit den Takt vorgeben. Widerspruch zwecklos. Entsprechend entmündigt fühlen wir uns. Dasselbe gilt für sämtliche digitale Helfer – vom Taxiruf bis zum Übersetzungsprogramm. Das extended mind ist eine praktische und bequeme Sache, lässt jedoch den eigenen Verstand verkümmern und führt in die APP-hängigkeit. Davor hat Knigge schon vor mehr als 200 Jahren gewarnt.

 

Fuß vom Gas

Obwohl immer mehr Deutsche von E-Mails, Handytelefonaten und Kurznachrichten gestresst sind, tragen sie mit ihrer eigenen Erwartungshaltung und ihrem Kommunikationsverhalten zur Informationsflut bei. So erwarten rund 19 Prozent, dass Geschäftspartner und Kollegen dauerhaft erreichbar sind. Knapp 37 Prozent erwarten dies zumindest teilweise. Das Paradoxe: Jeder Zweite fühlt sich durch die Informations- und Kommunikationsflut unter Stress. Jeder Dritte ist von anderen Telefonaten in Bus oder Bahn genervt. Wir befinden uns in einem Teufelskreislauf. Es fehlt an Kompetenzen, mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten umzugehen. Dabei geht es um mehr als nur die Frage, ob und wie in öffentlichen Verkehrsmitteln zu telefonieren oder zu mailen sei. Benimmregeln allein lösen das Problem nicht. So wünschen sich derzeit acht Prozent der Arbeitnehmer auf E-Mails sofort Feedback. Rund 23 Prozent rechnen mit einer Antwort binnen einer Stunde.  Für viele Mailempfänger lautet ein ungeschriebenes Gesetz, so schnell wie möglich zu reagieren. Sofortige Fristen werden als Gottgegeben angenommen – selbst wenn der Absender keine Frist nennt. Bei aller Widersprüchlichkeit könnten ausgerechnet klar kommunizierte Zeitvorgaben für Entspannung sorgen, wenn der Absender dem Empfänger expliziert mehr als ein oder zwei Tage Zeit einräumt. Eine weitere Möglichkeit, die E-Mail-Flut und Kommunikationsgeschwindigkeit zu reduzieren, liegt in der Reduktion der Antwortgeschwindigkeit. Denn wer schnell zurückmailt, fordert sein Gegenüber heraus, schnell zu agieren. Um die Mailkommunikation zusätzlich zu verlangsamen, empfiehlt es sich, bei Mailprogrammen die Vorschaufunktion und automatische Benachrichtigungen zu deaktivieren.

 

Digitale Netze sorgsam spinnen

Knigge sagte einst: „Reiche nicht jedem Deine Hand dar! Umarme nicht jeden! Drücke nicht jeden an Dein Herz!“ Was heißt das heute? Ob Facebook oder Xing: Wählen Sie digitale Kontakte sorgfältig aus. Machen Sie nicht jedem zum Freund. Fragen Sie sich, warum Sie mit dieser Person vernetzt sein sollten, bevor Sie den „Akzeptieren“-Button klicken. Ob und wann möchten Sie von ihr oder ihm angeschrieben werden? Wann können Sie etwas von ihm oder ihr wollen? Selbst beim Thema Big Data lohnt ein Blick auf den Freiherrn. „Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig gegen die Menschen zu sein: Zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch aufzudecken und missbraucht zu werden, und dann die Überlegung, daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unserer kleinsten Schritte Rechenschaft verlangen, alles wissen“, sagte Knigge damals. In die heutige Zeit übertragen bedeutet das: Daten sind das Öl der Zukunft. Sie sind begehrt und dadurch wichtige Währung. Behalten Sie die Kontrolle über Ihre eigenen Daten. Seien Sie vorsichtig mit kostenlosen Apps, die Ihre Daten haben wollen. Wehren Sie sich dagegen, dass jeder Arbeitsschritt von Ihnen getrackt wird.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s