Zug um Zug

Nachdem Knigge in puncto Geschäftsreisen in letzter Zeit allzu oft reduziert wurde auf die Frage, wem im Flugzeug die Armlehnen gehören oder dass die Menschen erst aus dem Zug aus- und dann einsteigen sollten, wird es Zeit, das Thema neu zu beleuchten.

 

 

 

Die Pendelwege nehmen zu und damit die Pendelzeit. Sechs von zehn Arbeitnehmern arbeiten heute außerhalb der Gemeindegrenze – das macht in Deutschland und Österreich knapp 20 Millionen Pendler. Knapp 10 Millionen Beschäftigte sind mittlerweile täglich länger als eine Stunde lang unterwegs. Mehr als eine Million pendeln am Wochenende zwischen Arbeit und zu Hause. Bis 2030 soll die Mobilität nochmals um rund 30 Prozent zunehmen. Zunächst einmal ist gegen Mobilität nichts einzuwenden. Mobil zu sein bedeutet, frei zu sein. Sich zu entscheiden, wo man arbeitet, ist sogar ein großes Stück Mündigkeit. Mobilität löst lokale Schranken und Grenzen auf. Niemand käme auf die Idee, diese Mobilität infrage zu stellen. Stattdessen versuchen wir, die Mobilität zu verbessern, indem wir etwa verschiedene Mobilitätsarten miteinander verbinden. Mit dem Fahrradsharing zum Bahnhof, mit dem ICE in die nächste Stadt, mit Carsharing ins Gewerbegebiet. Die Mobilität unterliegt demselben Effektivitätsgedanken wie unser übriges Leben. Theoretisch würde sich die Mobilität dadurch sogar verbessern – wenn wir nur den mobilen Status quo konservieren würden. Doch: Wir erschließen und durch schnellere Reisemöglichkeiten immer weitere Räume. Dadurch steigt der Mobilitätsaufwand. Schneller werden wir natürlich nicht wirklich. Wir sind lediglich mehr unterwegs.  Wir müssen lernen zu erkennen, dass die Mobilität uns gerade im Berufsleben möglicherweise mehr Möglichkeiten beraubt als sie uns schenkt. Es handelt sich also nur vordergründig um Freiheit. Mobilität als Gefängnis mit immer mehr Bewegungsraum. Knigge 2020 heißt daher sicher auch, Mobilität wieder einzuschränken.

 

 

Aus dem Fenster schauen statt in Windows

Kaum hebt das Flugzeug ab, wird der Laptop aufgeschlagen. Kaum fährt der Zug aus dem Bahnhof, beginnt die Telefonkonferenz, zu  der man sich mobil zugeschaltet hat. Kaum schließen die U-Bahn-Türen, wird der Branchennewsletter auf dem Smartphone gelesen. Keine Frage: Es scheint effizient, die Zeit smart zu nutzen. Teilweise müssen wir die Zeit so ausfüllen, weil sonst die Arbeit gar nicht mehr zu schaffen wäre bei der gestiegenen Mobilität. Warum wir der Effizienz nachhecheln wie ein Hund dem Würstchen, hat noch weitere Gründe. Wir preisen die Effizienz ganz ähnlich wie die Benimmregeln des Knigge. Effizienz verspricht Erfolg, wie auch Knigge Erfolg verspricht. Ganz konkret sehen wir in der Effizienz so etwas wie eine Waffe gegen die zunehmende Mobilität, gegen die Informationsflut oder gegen die Beschleunigung. Das Problem: Die Effizienz wird bezahlt – mit nachlassender Aufmerksamkeit, nachlassender Konzentration und fehlenden Ruhephasen. Das macht auf Dauer krank. Wer aufmerksam im ursprünglichen Knigge-Sinn sein möchte, darf nicht permanent abgelenkt sein. Wer auf Geschäftsreisen und Wegen nur auf das Smartphone starrt, ruiniert sich nicht nur seine Haltung – er verpasst vielmehr auch Begegnungen mit Menschen und neue Eindrücke. Knigge würde sich im Grabe herumdrehen!

 

 

Verstand benutzen statt nur Apps

Eine App fürs Taxi, eine fürs Hotel, eine für die Wege. So praktisch die Helfer auf dem Smartphone für  Geschäftsreisende sind, so gefährlich sind sie. „Hüte Dich also, Deinen treuesten Freund, Dich selbst, so zu vernachlässigen, daß dieser treue Freund Dir den Rücken kehre“, wusste bereits Knigge. Ein ganzes Kapitel hat er über den Umgang mit sich selbst verfasst. Der Freiherr konnte natürlich nicht ahnen, wie uns die Technik das Leben einmal erleichtern würde. Seine Beobachtung war jedoch gut genug, um schon damals die Neigung des Menschen zu erkennen, eher faul zu sein, vor allem wenn es auch einfach geht. „Wer aber die Kräfte seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern lässt (…) ist auch ohne Rettung verloren, wo es auf Kraft, Mut und Entschlossenheit ankommt.“ Was heißt das? Lassen Sie das Smartphone künftig einmal mehr in der Tasche. Fragen Sie nach dem Weg. Nutzen Sie eine Karte, um sich zu orientieren. Schauen Sie auf den Straßennamen, um ein Taxi an den rechten Ort zu bestellen. Am Ende wissen Sie sonst nicht einmal mehr, in welcher Stadt Sie eigentlich Taxi gefahren sind! Darüber hinaus muss sich jeder App-Nutzer darüber im Klaren sein, dass er mit seinen Daten bezahlt. Auch dies ein krasser Widerspruch zu den Ideen Knigges, dessen Werk zu Zeiten der Aufklärung entstanden ist. Aufgeklärt zu sein, bedeutet schließlich mündig zu sein. Von digitaler Mündigkeit kann indes bei vielen Geschäftsreisenden keine Rede sein, die durch Bewegungsprofile und Datenspuren jederzeit identifizierbar und zu orten sind.

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