Mit Perfektion in die Disharmonie

Um Deutschland ist es besonders schlecht bestellt. Die statistischen Zahlen zeichnen ein Bild, nach dem ausgerechnet jenes Land am Rande des Zusammenbruchs steht, das wirtschaftlich am besten durch die Krise gekommen ist. Rund jeder dritte Berufstätige leidet demnach unter massiver Erschöpfung oder Burnout. Rund jeder vierte Deutsche leidet unter depressiven Symptomen. Die Menge der verschriebenen Antidepressiva hat sich zwischen 2007 und 2011 um fast 50 Prozent erhöht. Pro Jahr gibt es in Deutschland mehr als 60 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen. Mit Blick auf die jährlich rund zehn Milliarden Euro, die Burnout verursacht, scheint es nur eine Frage der Zeit, wann diese Kosten jenen Gewinn aufbrauchen, den wir durch Ökonomisierung, Beschleunigung und Effizienz einspielen. „Auf der Suche nach Gründen für diese Erschöpfungswelle sind die Hypothesen vielfältig, ein Verweis auf die Neuen Medien und die Folgen der Digitalisierung fehlt darin jedoch nur selten“, konstatiert Anja Schneck in ihrem Buch „Treiben uns die neuen Medien in den Wahnsinn?“

Wer nach spektakulären Zahlen als Beweis für die Ausgebranntheit fahndet, muss wahrlich nicht lange suchen. Eine Studie der Harvard Medical School kommt sogar zu dem Ergebnis, dass 96 Prozent aller Führungskräfte ausgebrannt sind. Vor dem Hintergrund der Zahlen sollte vielleicht darauf hingewiesen werden, dass in der Medizin die Diagnosen für Burnout mehrfach schwammig so angepasst wurden, dass tatsächlich der ein oder andere Prozentpunkt abgezogen werden kann.

Burnout galt lange als Zeichen von 100 Prozent Einsatz

Also doch alles Einbildung? Alles Flaschen, die nicht schnell genug mitkommen, die nicht schnell genug kommunizieren, die nicht effizient genug organisieren? Sicher nicht. Allein in meinem Freundes- und Bekanntenkreis könnte ich mehrere Fälle aufzählen, bei denen es sich um mehr als die bloße Einbildung einer Erschöpfung handelt. Im Gegenteil. Man sollte auch nicht vergessen, dass der Begriff Burnout bis vor rund zehn Jahren noch insoweit einen positiven Beiklang hatte, als dass Burnout auch eine Bestätigung war für Menschen, die wirklich alles für die Arbeit geben. Der gestriegelte Manager mit dem 15-Stunden-Arbeitstag, der sich sicher auf dem Parkett bewegt und dessen Leistung eben eine Tugend im geradezu klassischen Kniggesinne ist. Burnout trifft bevorzugt Perfektionisten.

Perfektionist oder Pragmatiker?

  • Erkennen Sie den Punkt, an dem Sie Dinge nur noch anders machen – und nicht mehr besser?
  • Machen Sie im Büro am liebsten alles selbst, weil Sie sich ohnehin nicht auf andere verlassen können?
  • Treiben Sie Kollegen oder Geschäftspartner in den Wahnsinn, die sich auch mit 95 Prozent zufrieden geben?
  • Kontrollieren Sie gerne alles nochmals?
  • Helfen Sie gerne anderen Menschen, oder haben Ihnen andere Menschen bereits ein Helfer-Syndrom attestiert?
  • Sind sie mit Ergebnissen oftmals unzufrieden?
  • Haben Sie oft das Gefühl, Ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden?

Wenn Sie mehrmals mit „Ja“ geantwortet haben, bringen Sie durchaus Eigenschaften mit, die ein Burnout begünstigen. Sie gehören zu den Menschen, die es im Büro allen Recht machen möchten. Sie wollen bei jedem Meeting perfekt aussehen, bei jeder Besprechung die besten Argumente vorbringen und stets die besten Leistungen erzielen. Allzuoft vesprechen sich Perfektionisten von typischen Kniggeratgebern und von Ratgebern überhaupt, dass sie sich und ihre Leistungen noch mehr in Richtung Perfektionismus optimieren können. Ein fataler Trugschluss.

Umgangsformen ja, Perfektionsregeln nein

An dieser Stelle wollen wir den Focus auf den Freiherr Knigge lenken. Auf sein aufklärerisches Anliegen. In der Einleitung seines viel zitiertes Werkes schreibt Knigge: „Meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen, eigenes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit diesem allen verkannt, übersehn werden, zu gar nichts gelangen.“ Es sollte nicht darum gehen, anderen zu gefallen. Er wollte vor allem helfen, sich selbst zu gefallen. Sich selbst wertzuschätzen.

Geringschätzung hingegen begünstigt besonders in Kombination mit den in diesem Buch ausgemachten Kniggefeinden wie Flexibilität, Effizienz und Mobilität die Tendenz zum Burnout. Knigge und Anerkennung gehören also mehr zusammen als etwa Knigge und Kleiderregeln.

Übertriebene Etikette beim Outfit kann vielmehr sogar ein direktes Zeichen sein; dass innere Werte aus den Fugen geraten sind. Die Mode als ein Warnsignal. „Aufgrund der engen Verbundenheit von Anspruch und Position versucht umgekehrt der, der seine Position nicht erweitern kann, seine durch Neid gewachsenen Ansprüche zu realisieren und dadurch eine bessere Position zu erreichen. „Kleider machen Leute“, heißt es, und weil das so ist, führt Anspruchsdenken von sich selbst fort und achtet aufs Äußere. Statt sich um eine Position zu bemühen, wird der umgekehrte Weg gegangen, das Äußere wird aufgebläht“, erklärt Manfred Nelting in „Burnout – wenn die Maske zerbricht. Dies heißt natürlich nicht, dass die Frage nach dem richtigen Schuhwerk direkt in die Burnoutfalle führt. Wohl aber sollten wir uns sensibilisieren, dass übertriebene Eigeninvestitionen in dieses Thema meist nur dazu dienen, andere Defizite zu kompensieren.

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