Pier Paolo Pasolini hätte keinen Hipster-Bart

Es gibt von Pier Paolo Pasolini, unter anderem in den wunderbaren „Freibeuterschriften“, die heute aktueller sind als sie jemals hätten sein dürfen, wunderbare Essays zum Thema Konsumismus und Uniformismus. Heute, wo der von P.P.P. bereits vor Jahrzehnten beschriebene Hedonismus im totalen LOHAtum und Nachhaltigkeitsgeschwafel im uniformsten Hipster-Dasein aufgeht, wird ganz deutlich: Es gibt kein zurück. Die Bärte können noch so individuell sein – die Identität des Einzelnen ist in freiwilliger Selbstschaltung vom Einzelnen zerstört. Zerstört von jedem selbst. Zerstört bei dem Versuch, das Gegenteil zu erreichen. Hier wird deutlich, wie richtig Pasolinis Vergleich war, den Konsumismus und die heute erlebten Ausdrücke dessen mit dem Faschismus auf eine Stufe zu stellen – mit dem einzigen Unterschied, dass der Konsumismus  umso gefährlicher ist, als dass er nicht von Außen übergestülpt wurde, sondern von jedem tief aus dem Innereren heraus zum Leben erweckt wird.

Die Gleichschaltung gilt für sämtliche Verhaltensweisen. Für die Kleidung. Für das Denken. Für die gelebte Vergangenheit und für die zu lebende Zukunft. Gelebt wird einzig die von Werbung und Konsumgut vermittelte Form der Individualität, die jedoch nicht aus dem Einzelnen hervorgeht, sondern aus dem Gefühl des Einzelnen, was Individualität zu sein hat.

„Körpersprache kann man lernen“, versprechen viele Ratgeber und Karrierecoachs im Internet. Das Versprechen: Wer seine gebeugte Haltung aufgibt und aufrecht steht und geht, kommt besser durchs Geschäftsleben. Wer weniger mit den Händen herumfuchtelt, strahlt Ruhe und Kraft aus. Wer sich langsamer bewegt, kommt im TV besser rüber. Schauen Sie sich einmal Bundeskanzlerin Angela Merkel an. Der Fels in der Brandung. Oder Jürgen Klinsmann. Selbst er übt sich bei Pressekonferenzen in Ruhe.

Wenige wollen Bundeskanzlerin sein – wohl aber ein erfolgreicher Wirtschaftsboss, Unternehmer oder Angestellter. Also gibt es unzählige Trainings. Erfolgreich ist schließlich der, der erfolgreich wahrgenommen wird. Das klingt grundsätzlich erst einmal gut. Im Gegenteil bedeutet dies aber auch, dass immer mehr Menschen versuchen, Mimik und Gestik bewusst einzusetzen. Nur keine unkontrollierten Reaktionen, die die Wahrheit verraten. Gönnten sich vor einigen Jahren vor allem hochrangige Politiker und Wirtschaftsbosse einen Feinschliff in der Körpersprache, ziehen heute auch viele normale Angestellte mit. Sie lernen, durch Bewegungen genau den optimalen Raum einzunehmen und schnell bestmöglich zu wirken. Wenn Körpersprache, dann bewusst. Ist doch viel effizienter und ökonomischer, in den ersten Sekunden zu überzeugen – als anschließend zehn Stunden dafür zu benötigen. Wir lernen, durch die Optimierung der Körpersprache erfolgreicher zu sein. Doch wo beginnt die Inszenierung? Wo bleibt die Authentizität – die Ehrlichkeit?

Doch, wie sagte schon Knigge? „Sei ganz Du selbst.“ Wie langweilig wird es erst, wenn wir uns im Meeting alle gleich bewegen.

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