Der größte Diktator: Das optimierte Ich

Keine Frage – Diktatoren haben viele Gesichter und nicht selten einen Oberlippenbart. Im modernen Sinne steht der Alleinherrscher für einen unumschränkten Machthaber in einer Diktatur. Der Boss, der im Land das Sagen hat. Doch was, wenn wir den Begiff Diktatur auf das eigene Leben anwenden? Es gibt eine sehr schlüssige Herleitung des Jenaer Zeitforschers Hartmut Rosa. Der Sozialpsychologie spricht in seinen Büchern und auch in Interviews gerne von der Diktatur der Zeit, der wir uns selbst unterwerfen. Er kommt zum Schluss: Der schlimmste Dikatator sind nicht selten wir selbst.

Widersetzen Sie sich dem Zeitdiktat

Kennen Sie das? Sie spielen mit Ihrem Kind – und sagen ich muss jetzt noch die Wäsche machen. Die Post aus dem Briefkasten holen. Den Geschirrspüler einräumen. Sie sprechen mit dem Kollegen und sagen – ich muss noch eine wichtige Email schreiben. Die Präsentation finalisieren. Ein Fax versenden. Sie gehen einer Tätigkeit nach und verfolgen in Gedanken schon die nächsten Aufgaben. Ich muss dies, ich muss das, ich muss jenes.

Bitte notieren Sie stichpunktartig

  • Das muss ich heute noch erledigen:
  • Dass muss ich diese Woche noch erledigen:

Schauen Sie sich die Antworten genau an. Zu welchen Terminen sind Sie wirklich gezwungen? Zu welchen Terminen haben Sie sich selbst gezwungen? Bei welchen Tätigkeiten handelt es sich überhaupt um Termine? Wer zwingt Sie, zwischen zwei Meetings das Hemd zu wechseln? Wer zwingt Sie, nach der Arbeit ins Fitness-Studio zu hetzen? Welche Deadlines haben Sie sich im Berufsalltag selbst gesetzt, weil Sie denken, die Erwartungshaltung des Gegenübers zu kennen? Nicht selten schieben wir andere Menschen vor. Dabei würden diese meist viel entspannter reagieren, wenn es einmal ein paar Minuten, Stunden oder sogar Tage länger dauert.

Anspruch erzeugt Druck

Für den Knigge-Report 2015 in meinem Buch „Die Knigge Kur“ habe ich abgefragt, in welcher Geschwindigkeit wir erwarten, dass E-Mails abgerufen werden. Erschütternd sind die Ergebnisse nicht, aber erschreckend. 8 Prozent, also fast jeder zehnte Befragte, will sofort Feedback. Rund 23 Prozent erwarten Antwort binnen einer Stunde. Rund jeder Dritte will binnen Tagesfrist eine Antwort. Keine Frage: Die Erwartungshaltung ist hoch. Aber warum? Und wer sagt, dass wir diese Erwartungshaltung erfüllen müssen. Erst der Anspruch an die Geschwindigkeit des Feedbacks erzeugt schließlich Druck. Druck wiederrum erzeugt Stress. Viel Stress in Verbindung mit Perfektionismus wiederum sind ein Nährboden für Burnout.

Feedbackgeschwindigkeit steuern

Wir werden es nur ändern können, wenn wir mit Geschäftspartnern darüber sprechen. Und wenn wir sagen, bis wann Sie frühestens mit einer Antwort rechnen können. Weil, das müssen wir doch zugeben: Wenn zehn unserer Vorgesetzten, Kollegen oder Geschäftspartner gleichzeitig eine Antwort wünschen, dann müssten wir uns teilen. Selbst wenn wir beim Essen auf Mails reagieren und auf der Toilette  wie es viele schon machen, werden wir den Kampf gegen diesen Anspruch verlieren. Ich bin überzeugt: Die Welt wird sich weiterdrehen, wenn wir und andere künftig etwas mehr Geduld aufbringen müssen.

Sie fragen sich, ob ich völlig übergeschnappt bin? Wo kommen wir denn da im Großen hin, wenn wir aufhören, uns permanent selbst zu hetzen? Wo kommen wir dahin, wenn wir jedermann plötzlich mehr Zeit einräumen? Da verlieren wir doch wohl einmal gleich den Anschluss. Tatsächlich, ich weiß nicht, welchen Einfluss dies auf die wirtschaftliche Vorreiterrolle Deutschlands in Europa hätte, wenn wir es etwas lockerer angehen lassen würde.

Natürlich kenne ich im Kleinen auch nicht Ihren handgeschriebenen Terminkalender. Oder Ihren elektronischen. Oder gar Ihren Terminkalender im Kopf. Allerdings bin ich mir sicher, dass es sich bei vielen Dingen, die „wir dringend oder am besten sofort noch erledigen“ müssen, gar noch um Termine handelt, sondern einfach um Tätigkeiten, die wir zu Terminen gemacht haben, um uns

a)etwas wichtiger zu fühlen

b) um uns effizient zu strukturieren,

c) um ökonomisch gehandelt und keine Zeit verschwendet zu haben.

Wie Sie vielleicht merken, begünstigt unsere Lebensweise den Zeitumgang, den wir aktuell pflegen. Unzählige Ratgeber unterstützen die Tendenz zusätzlich. 30 Dinge, die Sie getan haben müssen bevor Sie 30 sind. 50 Dinge, die Sie erlebt haben, bevor Sie 50 sind. Die Erklärung für die permanente Angst, Dinge zu verpassen oder nicht fristgerecht zu erledigen, ist der Tatsache geschuldet, dass wir heute wirklich so viele Sachen erleben können wie nie zu vor. Die Weltzeit mit all ihren Möglichkeiten nimmt zu, während unsere Lebenszeit gleich bleibt.

 

 

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